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Karajan vom City-Hafen
Robby Rottmann ist ein Hamburger Original.
Beim Hafenfest im Mai wird er wieder seinen großen Auftritt haben.
Der ganze Kerl ist 1,82 Meter groß, 98 Kilogramm schwer und hat einen Riesen-Schnauzer. Heinz Rottmann, 62, Chef des stark frequentierten City-Sporthafens von Hamburg, ist eine Respektsperson. Seit der Eröffnung der Marina im Jahr 1992 in unmittelbarer Nähe zu Hamburgs Flaniermeile an den Landungsbrücken ist Rottmann der Chef der Liegeplätze für Hamburg-Besucher, die mit dem eigenen Boot kommen. Unverwechselbares Kennzeichen: weiße Mütze und knallrote Jacke.

Wer nach Heinz Rottmann im Hafen fragt, erntet in der Regel jedoch Kopfschütteln. Seitdem er sich 1967 seinen robbenähnlichen Schnauzer hat stehenlassen, heißt er Robby Rottmann. "Nur meine Mutter sagt noch Heinz", berichtet er. Den richtigen Weg auf der Suche im Hafen nach ihm erfährt schon eher derjenige, der nach dem Dirigenten fragt. An den Anlegern und Brücken nennt man Robby Rottmann auch respektvoll den "Karajan" vom Hafen. Und das hat nichts mit Musik zu tun. Wenn der Chef des Hamburger City-Sporthafens wild gestikulierend auf den Stegen steht, um den einlaufenden Gästebooten einen Platz zuzuweisen, sieht es aus, als dirigiere er ein Orchester. Zum Hafengeburtstag vom 11. bis zum 13. Mai, wird "Karajan" mal wieder ein besonders großes Konzert geben, denn da platzt traditionell der Sportboothafen mitten in der Hamburger City aus seinen Nähten. Statt der 80 Segel- und Motoryachten, die normalerweise in der Hafenanlage für Sportboote zwischen Überseebrücke und Kehrwieder-Spitze Platz finden, bringt Rottmann 150 unter. Das bedeutet jede Menge Stress für ihn. Die Crews, die mit ihren Segel- und Motoryachten zum großen Fest kommen, haben einen Logenplatz gebucht, denn sie sind mitten drin im Volksfest - deshalb kommen so viele.
Wie die meisten Hafenbosse war auch Rottmann früher ein waschechter Seemann, der sich irgendwann einen Landjob suchte. Bloß mit dem Meer sollte es was zu tun haben. Es ist bei ihm die Elbe geworden, aber immerhin mit Anschluss an die Weltmeere. Da er nicht nur auf Frachtschiffen um die Welt gefahren ist, sondern auch mehrere Jahre als Kapitän eine große Chartersegelyacht steuerte, kennt er sich gleichermaßen mit den Problemen der Berufsseeleute wie der Sportbootskipper aus. Für beide Gruppen ist er die Ordnungsmacht und er kann fuchsteufelswild werden, wenn eine Crew ihre Yacht nicht ordnungsgemäß vertäut. "Das passiert hier immer wieder, und wenn dann der Strom mit zweieinhalb Knoten einsetzt, treiben die Boote gegeneinander oder reißen sich sogar los", weiß Rottmann aus Erfahrung. Schon so manch ein Skipper musste sich einen Kurzvortrag von ihm über die notwendige Sicherheit und die Seemannschaft im City-Sporthafen anhören.
"Ich bin aber eher ein freundlicher Mensch", sagt Rottmann über Rottmann. Wer sich mit ihm länger als eine Minute unterhält, glaubt es gerne. Fast immer endet eine Gardinenpredigt versöhnlich, schließlich versteht der Hafenmeister seinen Job in erster Linie als Dienstleister und den füllt er anscheinend so gut aus, dass er laut Küstenklatsch mit zu den beliebtesten Hafenmeistern an der Elbe zählt. Der in Enkhaus im Sauerland geborene und zum Hamburger aus "Leidenschaft" gewordene Rottmann ist mittlerweile zum hanseatischen Original geworden. Kein Wunder, denn jährlich wickelt er mehr als 10.000 Übernachtungen in seinem Hafen ab. Dabei hat der 62-Jährige immer einen Schnack auf Lager, den aktuellen Wetterbericht parat oder leistet Hilfe bei kleinem wie bei großem Malheur. Darüber hinaus ist er auch so etwas wie ein Stadtführer wider Willen und Amt. Viele seiner Gäste fragen ihn nach den Sehenswürdigkeiten. Das schöne dabei: Fast alle sind vom City-Sporthafen zu Fuß zu erreichen. Und wer die kurzen Märsche scheut, der kann die U-Bahnstation direkt vor dem City-Sporthafen nutzen. Das große Plus ist die Lage des Gästehafens. Das wird dem Hafenmeister auch von ausländischen Gästen immer wieder gerne bestätigt. Im Gegensatz zu ähnlichen Institutionen in Kopenhagen oder London ist man in Hamburg eben mitten in der Stadt.
Kein Wunder, dass Robby Rottmann auf viele Stammgäste verweisen kann. Viele auswärtige Bootseigner machen immer wieder fest. Einige Hamburger Eigner kommen dagegen gar nicht erst weg, obwohl sie es planen. Wie jener Weltumsegler, der drei Tage lang im City-Sporthafen seinen Abschied feierte, dann aber in Anbetracht der großen, grauen Nordsee schon in Cuxhaven umkehrte und kurze Zeit später wieder bei Rottmann um einen Liegeplatz nachfragte. Am ruhigen Steg mit elektrischem Anschluss, Duschen und Müllentsorgung kann weiterhin bestens vom großen Törn geträumt werden. Daheim bei Robby ist es halt doch am schönsten. Und die besten Feiern gibt's hier auch. Schiffstaufen, Hochzeiten an Bord oder die Wiederkehr von echten Weltumseglern sind selbst für den Dienstleister im City-Sporthafen noch Höhepunkte. Dass dabei sein Bekanntheitsgrad ständig weiter wächst, merkte er im jüngsten Winterurlaub auf den Kanarischen Inseln. Sogar dort wurde er erkannt - auch ohne weiße Mütze und rote Jacke.
Klaus Bartels
aus Süddeutsche Zeitung v. 22.4.2007
Foto: Michael Zapf
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